Martins Vermächtnis

Martins Vermächtnis - Was soll das eigentlich sein?


Ich bin Mama von drei unglaublichen Kindern, Jozefina, Miroslav (oder Miro, wie ihn die meisten nennen) und Martin. Unsere Zwillingsjungs haben Autismus und unsere Jozefina ist die fürsorglichste Schwester die ich kenne, ein Mädchen, dass wir Eltern immer daran erinnern müssen, dass sie selbst ein Kind ist und auch sein darf. Jeder der drei ist auf seine Weise einzigartig. 

Martin ist mein Mini-me. Ungeduldig, zornig, wenn er nicht verstanden wird und doch ein riesen Herz. Sein wunderbares, Wärme schenkendes Herz hat am 20.2.2023 aufgehört zu schlagen. Ohne Vorwarnung wurde unser Martin aus dem Leben gerissen. Ertrunken in einem Biotop, bei einem Kindergarten-Ausflug. Als ich den Anruf bekam und anfing nach meinem Baby zu suchen, war er mit hoher Wahrscheinlichkeit schon tot. Als mein Kind die größte Angst seines Lebens durchstehen musste, war ich nicht an seiner Seite. Das erste und einzige Mal, dass er ohne mich, alleine Kämpfen musste. Dieser Gedanke zerreißt mich und schnürt mir die Luft ab. Mein Kind, tot, neben dem Wasser mit offenen, leeren Augen, die Brust die sich nicht mehr Hebt und senkt, dieses Bild hat sich für immer in meine Seele gegraben und hat mein Leben wie es vorher war, für immer beendet. 

Ich bin mir sicher, dass ich ihn eines Tages wieder in eine liebevolle Umarmung ziehen darf und dass er trotz allem in irgendeiner Form an unserer Seite ist. Und doch ist der Schmerz unvergleichbar, unerträglich und so schneidend, dass ich oft nicht weiß, wie ich auch nur einen einzigen Schritt gehen soll. 
Doch ich habe keine Wahl, ich habe hier bei mir noch zwei unglaubliche Kinder, die mich jetzt mehr denn je brauchen, zwei Kinder die selbst im Schlaf um ihren geliebten Bruder weinen. Liebe Mama, du hast keine Zeit in ein Loch zu fallen oder dich zu verkriechen. Egal wie sehr der Schmerz um dein geliebtes Kind dich verbrennt, du gehst weiter, Schritt für Schritt, egal wie sehr das Herz dabei blutet.

Diejenigen von euch die dem Begräbnis beigewohnt haben, erinnern  sich sicher auch, daran was ich meinem Martin während der Trauerrede versprochen habe. Ich habe ihm Versprochen unseren Kampf fortzusetzen, solange ich atme.

Unser Kampf für Akzeptanz und Verständnis von Autismus hat mit meinen Kindern begonnen. Gerade Martin ist in der Gesellschaft stark aufgefallen. Und sein großer Gerechtigkeitssinn und der Wunsch nach Teilhabe in der Gesellschaft war unvergleichbar. 

Ich werde darum kämpfen, dass andere Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene im Spektrum diese Möglichkeit bekommen. 
Ich werde darum kämpfen, dass sie ein Leben führen dürfen, in dem sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. 
Ich werde dafür kämpfen, dass sie die notwendigen Therapien bekommen, dafür dass die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Fast zeitgleich mit unserem kleinen Prinzen Martin, der beim Kiga-Ausflug weggelaufen und ertrunken ist, ist in Hamburg ein 10-jähriger Autist aus der Sonderschule weggelaufen und ebenfalls ertrunken. 
Im Austausch mit anderen Eltern deren Kinder ASS haben, wurde mir bewusst wie viele ihrer Kinder schon aus Kiga, Schule, etc weggelaufen sind. Ein Punkt der den wenigsten bewusst ist. Es kann und darf nicht sein, dass so etwas immer und immer wieder passiert. Denn jeder einzelne dieser Fälle hätte so enden können wie unserer. Sei es im Wasser, auf der Straße oder bei einem Sturz.
Niemand soll diesen unerträglichen Schmerz mehr fühlen müssen. 

In jedem Bereich unseres Systems sind Autisten unterversorgt und ich Frage mich, wie es sein kann, dass für so viele Menschen nichts getan wird. 
Dabei wäre es so einfach. 
Ich habe mich diesem Weg verschrieben, es meinem Sohn versprochen und diejenigen unter euch die mich kennen, wissen auch, dass ich niemals aufhören werde zu kämpfen, niemals aufgeben werde, schon gar nicht, wenn es um meine Kinder geht. Denn meine Kinder sind mein Leben.

Ich bin Mama von drei Kindern und werde es auch für immer sein, auch wenn mein Martin auf der anderen Seite des Regenbogens ist, ist er doch immer in meinem Herzen und meinen Gedanken. 

Mein kleiner Prinz ich liebe dich bis ans Ende meiner Tage und weit darüber hinaus. Denn diese Liebe endet niemals. Und ich verspreche dir, dein Vermächtnis aufzubauen, denn dein Tod wird das Sinnbild sein, für etwas das nie wieder geschehen darf und soll der Anfang sein, für eine bessere Welt. 
Ich liebe dich kleiner Hase.

Unser Leben mit Autismus

Was ist eigentlich Autismus? 


Uns erreichen in letzter Zeit immer wieder Fragen zum Thema Autismus, vor allem aber was das eigentlich wirklich genau ist. Bis hin zu der Frage ob unser kleiner Martin an seinem Autismus verstorben ist. 


Deshalb habe ich beschlossen, eine sehr komprimierte aber hoffentlich für alle, verständliche Erklärung niederzuschreiben.


Eine Autismusspektrum-Störung, kurz ASS genannt, gilt als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Dabei können mehrere Lebensbereiche betroffen sein. Etwa die soziale Interaktion, die Motorik, das Sprachverständnis, oder intellektuelle Fähigkeiten, etc.

Viele Menschen sehen, wenn sie an einen Autisten denken, einen schrulligen Eigenbrötler, der mit niemandem klar kommt, aber in irgendeinem Gebiet ein Genie ist (meistens gehen die Leute von IT, Mathematik oder Physik aus).


Tatsächlich sind diese Spezialgebiet-Genies, Savants genannt, gar nicht so häufig. Wäre dies nämlich tatsächlich so, könnte man wohl mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass die meisten Probleme unserer Welt bereits gelöst wären. 

Denn rund 2% der Bevölkerung ist von einer ASS betroffen. (Also 1 von 50, das ist nicht wenig.) 

Man möge sich ausrechnen, wie viele geniale autistische Wissenschaftler, diesem Denken nach auf unserem Planeten wandeln. 


Tatsache ist, diese Savants sind gar nicht so häufig. 

Was bedeutet dieses Bild aber nun für Familien?

Abgesehen davon, dass unsere autistischen Kinder ohnehin schon sehr genau beäugt und für ihr Verhalten kritisiert werden, steigt damit auch der Druck. "Denn wenn sich das Kind schon so merkwürdig verhält, dann soll es doch bitte auch ein Genie sein, am besten schon mit 6 Jahren." 

Nun ist es aber so, dass diese Vorstellung absolut nicht der Realität entspricht und manchmal habe ich das Gefühl, dass Eltern ihre Kinder im Spektrum, dann sogar ganz unbewusst verstecken, aus Schutz dem Kind gegenüber und aus Selbstschutz. Leider führt dies zu noch mehr Unwissen innerhalb der Gesellschaft.


Aber was nun bedeutet Autismus? 

Am einfachsten lässt es sich erklären, mit einer Datenverarbeitungsstörung. Das Hirn eines Autisten nimmt viel mehr Daten auf einmal auf als unseres, wenn ich es jetzt richtig im Kopf habe, mindestens zweieinhalb Mal soviele Daten auf einmal. Allerdings fehlen zur Verarbeitung die notwendigen Filter. 

Ich unterhalte mich mit jemandem, nebenbei Zwitschern die Vögel, ein Auto fährt vorbei, irgendwo in weiter Ferne hört man das Piepsen eines LKWs. Ich folge dem Gespräch und nehme die anderen Geräusche, wenn dann nur am Rande wahr.


Mein Sohn hingegen hört alle diese Dinge und noch viel mehr auf einmal, allerdings filtert hier das Gehirn nicht richtig, was davon relavant ist. Somit strömen all diese Geräusche auf einmal auf ihn ein. So verhält es sich auch mit den anderen Sinnesorganen. Allein die Vorstellung daran, fällt mir persönlich schwer, macht mich nervös und laugt aus.

Man versteh also, dass Menschen im Spektrum eine ganz andere Wahrnehmung haben.


Im Zuge dieser Überreizung kann es dann leicht zu einem Meltdown kommen. (Ein Meltdown ist meist das was die Gesellschaft als nicht erzogenes, furchtbares Benehmen wahrnimmt.) Vor allem dann, wenn noch nicht die richtigen Strategien zur Regulierung entwickelt sind. 

Man kann es vielleicht veranschaulichen, mit einem Topf Wasser am Herd: 

Ich fülle Wasser in einen Topf, gebe einen Deckel drauf und  schalte den Herd auf die höchste Stufe. 

Das Wasser wird beginnen zu kochen, irgendwann pfeift der aufsteigende Dampf zwischen Topf und Deckel durch. Wenn ich jetzt nicht weiß, dass ich den Deckel abnehmen muss, und den Herd zurückdrehen, dann wird der Inhalt überlaufen. Auch wenn ich es weiß und zu langsam reagiere, ist das Ergebnis das Gleiche.


Und hier muss man ganz klar machen:

Jeder Autist ist anders, ebenso wie die  Regulations-Strategien die der oder die Betroffenene braucht. 

Autismus ist nicht heilbar, es ist ja auch keine Krankheit.

Wenn eine ASS aber früh erkannt wird, Kann man eigentlich sehr gut fördern und unterstützen und natürlich auch die richtigen Regulations-Strategien erlernen. 

Es ist nicht leicht, aber definitiv nicht unmöglich. Dafür braucht es aber vor allem: Verständnis,  Akzeptanz und Integration und natürlich ganz viel Liebe und Geduld.

Von der Familie, vom Umfeld, von Kindergärten und Schulen und der Gesellschaft. 

Dies wird allerdings nur mit viel Aufklärungsarbeit möglich sein. 

Denn wie wir sehen, wissen wir viel zu wenig und glauben doch alles zu wissen.


Was bedeutet Autismus für unsere Familie? Teil 16

 

 

…Martin war mittlerweile gar nicht mehr von mir zu lösen, sobald ich sein Blickfeld verließ, schrie er panisch nach mir, was unseren Alltag nicht unbedingt erleichterte. Umso größer war allerdings die Freude darüber, dass die Ankündigung des Mitmach-Theaters im Kindergarten, so ein Interesse und eine große Vorfreude in ihm geweckt hatte, dass er unbedingt dabei sein wollte. Ich war erleichtert – wusste ich doch, wie sehr er solche Vorstellungen liebte. Und so war es auch dieses Mal. Während der Vorstellung war Martin nicht zu bremsen und wollte unbedingt ein Teil der Vorstellung sein. Er war glückselig an diesem Tag im Kindergarten. Zu Hause merkte man ihm die Überforderung allerdings schnell an - an diesem Nachmittag war er wahnsinnig gereizt. Zu Spüren bekamen das ganz schnell Jozefina und Miro, jedes Mal, wenn sie seinen Weg kreuzten und Mama nicht schnell genug zur Stelle war. Denn sowie jemand an ihm vorbei ging, warf er mit allem, was er gerade in die Hände bekam. Jozefina war verzweifelt – einerseits war sie einfach nur genervt und andererseits wusste sie, dass er in diesem Moment einfach in seiner Haut feststeckte und gar nicht absichtlich böswillig handelte. Also wollte sie unbedingt dabei helfen, nach einer Lösung zu suchen. Nachdem Martin in solchen Situationen keine Körpernähe zulassen konnte, und auch nicht gewillt oder aber fähig war, meinen Anleitungen zu folgen, mussten wir umdenken. Also wurden kurzerhand die Decken zweckentfremdet und auf den Boden gelegt, Jozefina schnappte sich Miro und setzte sich zusammen mit ihm auf die Decke. Ich nahm zwei Ecken in die Hand und zog die Kinder auf der Decke durch das Haus. Martin beobachtete uns eine Zeit lang skeptisch und kam dann schließlich angerannt, mit den Worten: „Martin auch, ziehen!“
Also übergab ich ihm die Deckenenden und er zog mühevoll seine beiden Geschwister durchs Haus. Es bereitete allen eine riesen Freude und Martin schien sich durch das Gewicht, dass er zog und durch die Kraft die er anwenden musste, immer weiter zu entspannen. Jozefina sah mich strahlend und erleichtert an. Einmal mehr, zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen. „Mein liebes Mädchen. Du bist so klein und doch ist dein Rucksack schon jetzt viel zu groß. Du trägst so viel Lieb und Güte in dir.“  Für meine Kinder habe ich mir nie etwas anderes gewünscht als eine glückliche und unbeschwerte Kindheit. Auch wenn wir unser bestes taten, würde Jozefinas Leben nie unbeschwert sein, da sie immer so fixiert war, auf das Glück ihrer Brüder. Gleichzeitig war ich froh, über die tolle Begleitung die sie durch ihre Kinderpsychologin hatte, da sie es, durch die zusätzliche Bestärkung von außen, wenigstens schon manchmal schaffte, ihre Bedürfnisse nicht hinten an zu stellen – was wiederum mir viel bedeutete.
Für unseren Miro und Martin, war es in meinen Augen immer ein Segen, dass beide Autisten sind – auch wenn meine Aussage, dass ich froh darüber bin, dass die Diagnose beide Jungs betrifft, immer wieder für Entsetzen und Kopfschütteln sorgte. Es mag sich auch komisch anhören, aber für mich war das zumindest das Glück meiner Buben betreffend, ein Segen. Denn egal wie sehr ich mich auch bemühte zu verstehen, ich würde es nie in dem Maße verstehen, so wie sie. Egal wie schwierig es auch sein würde, sie wären immer zu zweit, sie hätten immer einander, immer jemanden an ihrer Seite, der echtes Verständnis hat; jemanden der die Situationen selbst kennt und selbst durchlebt. Einzig für meine Jozefina, erleichterte es ihren Rucksack nicht unbedingt und dennoch liebte sie ihre Brüder, mit all ihren Eigenheiten, über alle Maßen. Wobei ich bis heute nicht weiß, ob es für sie einen Unterschied gemacht hätte, wenn nur einer von Beiden Autist gewesen wäre.
Mit diesen Gedankengängen schlief ich in dieser Nacht auch ein, nur um dann komplett nass aufzuwachen. Martin hatte sich im Schlaf quer über mich drüber gelegt und natürlich war durch seine merkwürdige Schlafposition, seine Windel – so wie nahezu jede Nacht – ausgelaufen, nur diesmal war ich eben auch involviert. Also vorsichtig unter ihm raus schälen, duschen umziehen. Kaum kam ich aus dem Bad, hörte ich ihn schon im Bett herumwuseln. Als ich ins Zimmer kam sah ich Miro mitten im Zimmer am Fußboden sitzen und Martin, der auch schon am munter werden war. Also wieder mal Kind sauber machen und umziehen. Wie jede Nacht hob ich meine schlafende Jozefina vorsichtig hoch und legte sie auf das andere Bett, um die Bettwäsche abziehen, neu beziehen und waschen zu können. Bis zum heutigen Tag, bin ich erstaunt, begeistert und erleichtert darüber, welch unglaublich tiefen und festen Schlaf, sie von ihrem Papa geerbt hat. Wir konnten unser gesamtes nächtliches Programm, neben ihr gestalten, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal aufwachte.
Auch zum Wochenende hin, schien es für den kleinen Martin nicht leichter zu werden, sich von mir zu trennen. Als ich schon überlegte, den Termin beim Tätowierer abzusagen, wurde mein großer Martin allerdings richtig ärgerlich. „Du hast so lange gewartet und dich schon so sehr darauf gefreut. Trau dich nicht jetzt abzusagen. Ich bin da und die Kids und ich wir schaffen das schon. Mach dir keine Gedanken. Bitte mach das jetzt – für Dich!“
Und so fuhr ich mit einer Skizze, die für mich gemacht wurde und einer ungefähren Vorstellung, los. Mein Tätowierer bat mich eine eigene Skizze anfertigen zu dürfen, die seiner Meinung nach besser zu mir und unserer Situation passen würde. Als ich die fertige Skizze sah, war ich hin und weg und überglücklich, dass mein Mann darauf bestanden hatte, dass ich meinen Termin wahrnehme. Und tatsächlich war es für mich eine wirklich „angenehme“ Auszeit vom Alltag, auch wenn mir bereits bewusst war, dass ich diese „Auszeit“, in der folgenden Nacht höchstwahrscheinlich teuer bezahlen würde. Dennoch freute ich mich schon wahnsinnig auf den zweiten Termin, bei dem das Tattoo dann fertig werden sollte. In meiner Abwesenheit, war zu Hause alles – zumindest für unsere Verhältnisse – wunderbar gelaufen. Die Nacht war allerdings tatsächlich alles andere als einfach. Bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit, versuchte Martin seinen Bruder Miro zu attackieren, oder aber Jozefina zu wecken. Also trug ich zumindest Jozefina zu ihrem Papa ins Zimmer, damit wenigstens sie in Ruhe schlafen konnte.
Diese extreme Fixierung vom kleinen Martin auf meine Person dauerte noch zwei weitere Tage an. Danach durfte zwar weiterhin alles nur die Mama machen, aber zumindest war es auf ein für alle erträgliches Maß gesunken. Zum Glück, denn mein Mann musste zu Beginn der neuen Woche für vier Tage nach Oberösterreich, zu einer Schulung.
Um ein Vielfaches entspannter, als die Woche zuvor, starteten wir in die neue Woche – ohne Papa. Und tatsächlich war es erstaunlich ruhig in unserem zu Hause, auch wenn Jozefina ihren Papa abends ganz besonders vermisste. Ihr Weinen machte allerdings unseren Miro wahnsinnig nervös. Nachdem bei ihr die Tränen getrocknet waren, hieß es schließlich fertig machen fürs Bett. Ich merkte, dass Miro noch immer sehr angespannt war, als ich aus dem Zimmer ging um die Milchflaschen der Jungs zu holen. Keine 30 Sekunden später hörte ich, wie etwas auf gegen den Wand knallte, dem Geräusch nach, handelte es sich um einen Kopf, was mir von Jozefinas schrillem „Mamaaaa“ bestätigt wurde. Als ich wieder ins Zimmer lief, sah ich wie Jozefina den kleinen Miro festhielt, damit er nicht weiter mit dem Kopf gegen die Wand schlagen konnte. Ich hob ihn hoch und sah mir die riesen Beule am Kopf an, während ich noch darüber nachdachte, dass diese unbedingt gekühlt gehört, stand Jozefina schon weinend mit dem Cool-Pack vor mir, da sie das Gefühl hatte, dass es ihre Schuld gewesen wäre. Während ich also Miro, mit starker Gegenwehr, versuchte den Kopf zu kühlen, legte ich gleichzeitig meinen Arm um meine Jozefina und erklärte ihr, dass es definitiv nicht ihre Schuld wäre. Da die Schlafenszeit nun natürlich wieder um mindestens drei Stunden nach hinten verschoben werden sollte, machten wir es uns am Sofa gemütlich und videotelefonierten mit dem großen Martin, der ganz verzweifelt war, als er Miros Kopf sah.
Man mag sich nun vielleicht fragen, warum wir damit nicht ins Krankenhaus gefahren sind. Lange Rede, kurzer Sinn – das war nicht das erste Mal und mittlerweile kannte ich mich auch schon wirklich gut aus, worauf ich bei Miro achten musste. Nur schlafen konnte ich auch dann nicht, als die Kinder es schließlich taten - denn in meinem Kopf, ratterten wieder die Gedanken, dass das auch hätte anders enden können, vor allem, da unser Miro, beim Aufprall mit dem Kopf gegen die Wand, scheinbar keinen Schmerz spürte….

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Was bedeutet Autismus für unsere Familie? Teil 16

 

 

…Martin war mittlerweile gar nicht mehr von mir zu lösen, sobald ich sein Blickfeld verließ, schrie er panisch nach mir, was unseren Alltag nicht unbedingt erleichterte. Umso größer war allerdings die Freude darüber, dass die Ankündigung des Mitmach-Theaters im Kindergarten, so ein Interesse und eine große Vorfreude in ihm geweckt hatte, dass er unbedingt dabei sein wollte. Ich war erleichtert – wusste ich doch, wie sehr er solche Vorstellungen liebte. Und so war es auch dieses Mal. Während der Vorstellung war Martin nicht zu bremsen und wollte unbedingt ein Teil der Vorstellung sein. Er war glückselig an diesem Tag im Kindergarten. Zu Hause merkte man ihm die Überforderung allerdings schnell an - an diesem Nachmittag war er wahnsinnig gereizt. Zu Spüren bekamen das ganz schnell Jozefina und Miro, jedes Mal, wenn sie seinen Weg kreuzten und Mama nicht schnell genug zur Stelle war. Denn sowie jemand an ihm vorbei ging, warf er mit allem, was er gerade in die Hände bekam. Jozefina war verzweifelt – einerseits war sie einfach nur genervt und andererseits wusste sie, dass er in diesem Moment einfach in seiner Haut feststeckte und gar nicht absichtlich böswillig handelte. Also wollte sie unbedingt dabei helfen, nach einer Lösung zu suchen. Nachdem Martin in solchen Situationen keine Körpernähe zulassen konnte, und auch nicht gewillt oder aber fähig war, meinen Anleitungen zu folgen, mussten wir umdenken. Also wurden kurzerhand die Decken zweckentfremdet und auf den Boden gelegt, Jozefina schnappte sich Miro und setzte sich zusammen mit ihm auf die Decke. Ich nahm zwei Ecken in die Hand und zog die Kinder auf der Decke durch das Haus. Martin beobachtete uns eine Zeit lang skeptisch und kam dann schließlich angerannt, mit den Worten: „Martin auch, ziehen!“
Also übergab ich ihm die Deckenenden und er zog mühevoll seine beiden Geschwister durchs Haus. Es bereitete allen eine riesen Freude und Martin schien sich durch das Gewicht, dass er zog und durch die Kraft die er anwenden musste, immer weiter zu entspannen. Jozefina sah mich strahlend und erleichtert an. Einmal mehr, zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen. „Mein liebes Mädchen. Du bist so klein und doch ist dein Rucksack schon jetzt viel zu groß. Du trägst so viel Lieb und Güte in dir.“  Für meine Kinder habe ich mir nie etwas anderes gewünscht als eine glückliche und unbeschwerte Kindheit. Auch wenn wir unser bestes taten, würde Jozefinas Leben nie unbeschwert sein, da sie immer so fixiert war, auf das Glück ihrer Brüder. Gleichzeitig war ich froh, über die tolle Begleitung die sie durch ihre Kinderpsychologin hatte, da sie es, durch die zusätzliche Bestärkung von außen, wenigstens schon manchmal schaffte, ihre Bedürfnisse nicht hinten an zu stellen – was wiederum mir viel bedeutete.
Für unseren Miro und Martin, war es in meinen Augen immer ein Segen, dass beide Autisten sind – auch wenn meine Aussage, dass ich froh darüber bin, dass die Diagnose beide Jungs betrifft, immer wieder für Entsetzen und Kopfschütteln sorgte. Es mag sich auch komisch anhören, aber für mich war das zumindest das Glück meiner Buben betreffend, ein Segen. Denn egal wie sehr ich mich auch bemühte zu verstehen, ich würde es nie in dem Maße verstehen, so wie sie. Egal wie schwierig es auch sein würde, sie wären immer zu zweit, sie hätten immer einander, immer jemanden an ihrer Seite, der echtes Verständnis hat; jemanden der die Situationen selbst kennt und selbst durchlebt. Einzig für meine Jozefina, erleichterte es ihren Rucksack nicht unbedingt und dennoch liebte sie ihre Brüder, mit all ihren Eigenheiten, über alle Maßen. Wobei ich bis heute nicht weiß, ob es für sie einen Unterschied gemacht hätte, wenn nur einer von Beiden Autist gewesen wäre.
Mit diesen Gedankengängen schlief ich in dieser Nacht auch ein, nur um dann komplett nass aufzuwachen. Martin hatte sich im Schlaf quer über mich drüber gelegt und natürlich war durch seine merkwürdige Schlafposition, seine Windel – so wie nahezu jede Nacht – ausgelaufen, nur diesmal war ich eben auch involviert. Also vorsichtig unter ihm raus schälen, duschen umziehen. Kaum kam ich aus dem Bad, hörte ich ihn schon im Bett herumwuseln. Als ich ins Zimmer kam sah ich Miro mitten im Zimmer am Fußboden sitzen und Martin, der auch schon am munter werden war. Also wieder mal Kind sauber machen und umziehen. Wie jede Nacht hob ich meine schlafende Jozefina vorsichtig hoch und legte sie auf das andere Bett, um die Bettwäsche abziehen, neu beziehen und waschen zu können. Bis zum heutigen Tag, bin ich erstaunt, begeistert und erleichtert darüber, welch unglaublich tiefen und festen Schlaf, sie von ihrem Papa geerbt hat. Wir konnten unser gesamtes nächtliches Programm, neben ihr gestalten, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal aufwachte.
Auch zum Wochenende hin, schien es für den kleinen Martin nicht leichter zu werden, sich von mir zu trennen. Als ich schon überlegte, den Termin beim Tätowierer abzusagen, wurde mein großer Martin allerdings richtig ärgerlich. „Du hast so lange gewartet und dich schon so sehr darauf gefreut. Trau dich nicht jetzt abzusagen. Ich bin da und die Kids und ich wir schaffen das schon. Mach dir keine Gedanken. Bitte mach das jetzt – für Dich!“
Und so fuhr ich mit einer Skizze, die für mich gemacht wurde und einer ungefähren Vorstellung, los. Mein Tätowierer bat mich eine eigene Skizze anfertigen zu dürfen, die seiner Meinung nach besser zu mir und unserer Situation passen würde. Als ich die fertige Skizze sah, war ich hin und weg und überglücklich, dass mein Mann darauf bestanden hatte, dass ich meinen Termin wahrnehme. Und tatsächlich war es für mich eine wirklich „angenehme“ Auszeit vom Alltag, auch wenn mir bereits bewusst war, dass ich diese „Auszeit“, in der folgenden Nacht höchstwahrscheinlich teuer bezahlen würde. Dennoch freute ich mich schon wahnsinnig auf den zweiten Termin, bei dem das Tattoo dann fertig werden sollte. In meiner Abwesenheit, war zu Hause alles – zumindest für unsere Verhältnisse – wunderbar gelaufen. Die Nacht war allerdings tatsächlich alles andere als einfach. Bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit, versuchte Martin seinen Bruder Miro zu attackieren, oder aber Jozefina zu wecken. Also trug ich zumindest Jozefina zu ihrem Papa ins Zimmer, damit wenigstens sie in Ruhe schlafen konnte.
Diese extreme Fixierung vom kleinen Martin auf meine Person dauerte noch zwei weitere Tage an. Danach durfte zwar weiterhin alles nur die Mama machen, aber zumindest war es auf ein für alle erträgliches Maß gesunken. Zum Glück, denn mein Mann musste zu Beginn der neuen Woche für vier Tage nach Oberösterreich, zu einer Schulung.
Um ein Vielfaches entspannter, als die Woche zuvor, starteten wir in die neue Woche – ohne Papa. Und tatsächlich war es erstaunlich ruhig in unserem zu Hause, auch wenn Jozefina ihren Papa abends ganz besonders vermisste. Ihr Weinen machte allerdings unseren Miro wahnsinnig nervös. Nachdem bei ihr die Tränen getrocknet waren, hieß es schließlich fertig machen fürs Bett. Ich merkte, dass Miro noch immer sehr angespannt war, als ich aus dem Zimmer ging um die Milchflaschen der Jungs zu holen. Keine 30 Sekunden später hörte ich, wie etwas auf gegen den Wand knallte, dem Geräusch nach, handelte es sich um einen Kopf, was mir von Jozefinas schrillem „Mamaaaa“ bestätigt wurde. Als ich wieder ins Zimmer lief, sah ich wie Jozefina den kleinen Miro festhielt, damit er nicht weiter mit dem Kopf gegen die Wand schlagen konnte. Ich hob ihn hoch und sah mir die riesen Beule am Kopf an, während ich noch darüber nachdachte, dass diese unbedingt gekühlt gehört, stand Jozefina schon weinend mit dem Cool-Pack vor mir, da sie das Gefühl hatte, dass es ihre Schuld gewesen wäre. Während ich also Miro, mit starker Gegenwehr, versuchte den Kopf zu kühlen, legte ich gleichzeitig meinen Arm um meine Jozefina und erklärte ihr, dass es definitiv nicht ihre Schuld wäre. Da die Schlafenszeit nun natürlich wieder um mindestens drei Stunden nach hinten verschoben werden sollte, machten wir es uns am Sofa gemütlich und videotelefonierten mit dem großen Martin, der ganz verzweifelt war, als er Miros Kopf sah.
Man mag sich nun vielleicht fragen, warum wir damit nicht ins Krankenhaus gefahren sind. Lange Rede, kurzer Sinn – das war nicht das erste Mal und mittlerweile kannte ich mich auch schon wirklich gut aus, worauf ich bei Miro achten musste. Nur schlafen konnte ich auch dann nicht, als die Kinder es schließlich taten - denn in meinem Kopf, ratterten wieder die Gedanken, dass das auch hätte anders enden können, vor allem, da unser Miro, beim Aufprall mit dem Kopf gegen die Wand, scheinbar keinen Schmerz spürte….

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