Martins Vermächtnis

Martins Vermächtnis - Was soll das eigentlich sein?


Ich bin Mama von drei unglaublichen Kindern, Jozefina, Miroslav (oder Miro, wie ihn die meisten nennen) und Martin. Unsere Zwillingsjungs haben Autismus und unsere Jozefina ist die fürsorglichste Schwester die ich kenne, ein Mädchen, dass wir Eltern immer daran erinnern müssen, dass sie selbst ein Kind ist und auch sein darf. Jeder der drei ist auf seine Weise einzigartig. 

Martin ist mein Mini-me. Ungeduldig, zornig, wenn er nicht verstanden wird und doch ein riesen Herz. Sein wunderbares, Wärme schenkendes Herz hat am 20.2.2023 aufgehört zu schlagen. Ohne Vorwarnung wurde unser Martin aus dem Leben gerissen. Ertrunken in einem Biotop, bei einem Kindergarten-Ausflug. Als ich den Anruf bekam und anfing nach meinem Baby zu suchen, war er mit hoher Wahrscheinlichkeit schon tot. Als mein Kind die größte Angst seines Lebens durchstehen musste, war ich nicht an seiner Seite. Das erste und einzige Mal, dass er ohne mich, alleine Kämpfen musste. Dieser Gedanke zerreißt mich und schnürt mir die Luft ab. Mein Kind, tot, neben dem Wasser mit offenen, leeren Augen, die Brust die sich nicht mehr Hebt und senkt, dieses Bild hat sich für immer in meine Seele gegraben und hat mein Leben wie es vorher war, für immer beendet. 

Ich bin mir sicher, dass ich ihn eines Tages wieder in eine liebevolle Umarmung ziehen darf und dass er trotz allem in irgendeiner Form an unserer Seite ist. Und doch ist der Schmerz unvergleichbar, unerträglich und so schneidend, dass ich oft nicht weiß, wie ich auch nur einen einzigen Schritt gehen soll. 
Doch ich habe keine Wahl, ich habe hier bei mir noch zwei unglaubliche Kinder, die mich jetzt mehr denn je brauchen, zwei Kinder die selbst im Schlaf um ihren geliebten Bruder weinen. Liebe Mama, du hast keine Zeit in ein Loch zu fallen oder dich zu verkriechen. Egal wie sehr der Schmerz um dein geliebtes Kind dich verbrennt, du gehst weiter, Schritt für Schritt, egal wie sehr das Herz dabei blutet.

Diejenigen von euch die dem Begräbnis beigewohnt haben, erinnern  sich sicher auch, daran was ich meinem Martin während der Trauerrede versprochen habe. Ich habe ihm Versprochen unseren Kampf fortzusetzen, solange ich atme.

Unser Kampf für Akzeptanz und Verständnis von Autismus hat mit meinen Kindern begonnen. Gerade Martin ist in der Gesellschaft stark aufgefallen. Und sein großer Gerechtigkeitssinn und der Wunsch nach Teilhabe in der Gesellschaft war unvergleichbar. 

Ich werde darum kämpfen, dass andere Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene im Spektrum diese Möglichkeit bekommen. 
Ich werde darum kämpfen, dass sie ein Leben führen dürfen, in dem sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. 
Ich werde dafür kämpfen, dass sie die notwendigen Therapien bekommen, dafür dass die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Fast zeitgleich mit unserem kleinen Prinzen Martin, der beim Kiga-Ausflug weggelaufen und ertrunken ist, ist in Hamburg ein 10-jähriger Autist aus der Sonderschule weggelaufen und ebenfalls ertrunken. 
Im Austausch mit anderen Eltern deren Kinder ASS haben, wurde mir bewusst wie viele ihrer Kinder schon aus Kiga, Schule, etc weggelaufen sind. Ein Punkt der den wenigsten bewusst ist. Es kann und darf nicht sein, dass so etwas immer und immer wieder passiert. Denn jeder einzelne dieser Fälle hätte so enden können wie unserer. Sei es im Wasser, auf der Straße oder bei einem Sturz.
Niemand soll diesen unerträglichen Schmerz mehr fühlen müssen. 

In jedem Bereich unseres Systems sind Autisten unterversorgt und ich Frage mich, wie es sein kann, dass für so viele Menschen nichts getan wird. 
Dabei wäre es so einfach. 
Ich habe mich diesem Weg verschrieben, es meinem Sohn versprochen und diejenigen unter euch die mich kennen, wissen auch, dass ich niemals aufhören werde zu kämpfen, niemals aufgeben werde, schon gar nicht, wenn es um meine Kinder geht. Denn meine Kinder sind mein Leben.

Ich bin Mama von drei Kindern und werde es auch für immer sein, auch wenn mein Martin auf der anderen Seite des Regenbogens ist, ist er doch immer in meinem Herzen und meinen Gedanken. 

Mein kleiner Prinz ich liebe dich bis ans Ende meiner Tage und weit darüber hinaus. Denn diese Liebe endet niemals. Und ich verspreche dir, dein Vermächtnis aufzubauen, denn dein Tod wird das Sinnbild sein, für etwas das nie wieder geschehen darf und soll der Anfang sein, für eine bessere Welt. 
Ich liebe dich kleiner Hase.

Unser Leben mit Autismus

Was ist eigentlich Autismus? 


Uns erreichen in letzter Zeit immer wieder Fragen zum Thema Autismus, vor allem aber was das eigentlich wirklich genau ist. Bis hin zu der Frage ob unser kleiner Martin an seinem Autismus verstorben ist. 


Deshalb habe ich beschlossen, eine sehr komprimierte aber hoffentlich für alle, verständliche Erklärung niederzuschreiben.


Eine Autismusspektrum-Störung, kurz ASS genannt, gilt als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Dabei können mehrere Lebensbereiche betroffen sein. Etwa die soziale Interaktion, die Motorik, das Sprachverständnis, oder intellektuelle Fähigkeiten, etc.

Viele Menschen sehen, wenn sie an einen Autisten denken, einen schrulligen Eigenbrötler, der mit niemandem klar kommt, aber in irgendeinem Gebiet ein Genie ist (meistens gehen die Leute von IT, Mathematik oder Physik aus).


Tatsächlich sind diese Spezialgebiet-Genies, Savants genannt, gar nicht so häufig. Wäre dies nämlich tatsächlich so, könnte man wohl mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass die meisten Probleme unserer Welt bereits gelöst wären. 

Denn rund 2% der Bevölkerung ist von einer ASS betroffen. (Also 1 von 50, das ist nicht wenig.) 

Man möge sich ausrechnen, wie viele geniale autistische Wissenschaftler, diesem Denken nach auf unserem Planeten wandeln. 


Tatsache ist, diese Savants sind gar nicht so häufig. 

Was bedeutet dieses Bild aber nun für Familien?

Abgesehen davon, dass unsere autistischen Kinder ohnehin schon sehr genau beäugt und für ihr Verhalten kritisiert werden, steigt damit auch der Druck. "Denn wenn sich das Kind schon so merkwürdig verhält, dann soll es doch bitte auch ein Genie sein, am besten schon mit 6 Jahren." 

Nun ist es aber so, dass diese Vorstellung absolut nicht der Realität entspricht und manchmal habe ich das Gefühl, dass Eltern ihre Kinder im Spektrum, dann sogar ganz unbewusst verstecken, aus Schutz dem Kind gegenüber und aus Selbstschutz. Leider führt dies zu noch mehr Unwissen innerhalb der Gesellschaft.


Aber was nun bedeutet Autismus? 

Am einfachsten lässt es sich erklären, mit einer Datenverarbeitungsstörung. Das Hirn eines Autisten nimmt viel mehr Daten auf einmal auf als unseres, wenn ich es jetzt richtig im Kopf habe, mindestens zweieinhalb Mal soviele Daten auf einmal. Allerdings fehlen zur Verarbeitung die notwendigen Filter. 

Ich unterhalte mich mit jemandem, nebenbei Zwitschern die Vögel, ein Auto fährt vorbei, irgendwo in weiter Ferne hört man das Piepsen eines LKWs. Ich folge dem Gespräch und nehme die anderen Geräusche, wenn dann nur am Rande wahr.


Mein Sohn hingegen hört alle diese Dinge und noch viel mehr auf einmal, allerdings filtert hier das Gehirn nicht richtig, was davon relavant ist. Somit strömen all diese Geräusche auf einmal auf ihn ein. So verhält es sich auch mit den anderen Sinnesorganen. Allein die Vorstellung daran, fällt mir persönlich schwer, macht mich nervös und laugt aus.

Man versteh also, dass Menschen im Spektrum eine ganz andere Wahrnehmung haben.


Im Zuge dieser Überreizung kann es dann leicht zu einem Meltdown kommen. (Ein Meltdown ist meist das was die Gesellschaft als nicht erzogenes, furchtbares Benehmen wahrnimmt.) Vor allem dann, wenn noch nicht die richtigen Strategien zur Regulierung entwickelt sind. 

Man kann es vielleicht veranschaulichen, mit einem Topf Wasser am Herd: 

Ich fülle Wasser in einen Topf, gebe einen Deckel drauf und  schalte den Herd auf die höchste Stufe. 

Das Wasser wird beginnen zu kochen, irgendwann pfeift der aufsteigende Dampf zwischen Topf und Deckel durch. Wenn ich jetzt nicht weiß, dass ich den Deckel abnehmen muss, und den Herd zurückdrehen, dann wird der Inhalt überlaufen. Auch wenn ich es weiß und zu langsam reagiere, ist das Ergebnis das Gleiche.


Und hier muss man ganz klar machen:

Jeder Autist ist anders, ebenso wie die  Regulations-Strategien die der oder die Betroffenene braucht. 

Autismus ist nicht heilbar, es ist ja auch keine Krankheit.

Wenn eine ASS aber früh erkannt wird, Kann man eigentlich sehr gut fördern und unterstützen und natürlich auch die richtigen Regulations-Strategien erlernen. 

Es ist nicht leicht, aber definitiv nicht unmöglich. Dafür braucht es aber vor allem: Verständnis,  Akzeptanz und Integration und natürlich ganz viel Liebe und Geduld.

Von der Familie, vom Umfeld, von Kindergärten und Schulen und der Gesellschaft. 

Dies wird allerdings nur mit viel Aufklärungsarbeit möglich sein. 

Denn wie wir sehen, wissen wir viel zu wenig und glauben doch alles zu wissen.


Was bedeutet Autismus für unsere Familie? - Teil 15

Die Veränderung bei unserem kleinen Martin war deutlich spürbar, aber einordnen konnten wir sie nicht. Und so kam der 19. September 2022 – ein Tag, der wie jeder andere für uns alle begann, also der ganz normale Wahnsinn. Der einzige Unterschied war, dass Martin immer wieder, von sich aus, meine Nähe suchte. Da ich das nur in absoluten Ausnahmesituationen kannte, nämlich, wenn er krank war (was sehr selten vorkam), wurde gleich einmal Fieber gemessen. Hm, Normaltemperatur – ein Blick mit der Taschenlampe in den Hals – nicht gerötet. Er wirkte auch absolut fit. So ganz konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Es blieb dann auch gar nicht großartig Zeit darüber nachzudenken, da Miro im nächsten Moment, mal wieder, seinen Wasserbecher bestaunte, nur um ihn, Sekunden später, am Küchenboden auszuleeren und dann in der tollen Wasserpfütze herumzuspringen. Ich hasste es. Das war eines der Dinge, wo ich mich wirklich zusammennehmen musste, um nicht zu explodieren. Während ich das große Handtuch zum Aufwischen holte und anschließend begann den Boden damit trocken zu wischen, hörte ich hinter mir verdächtig leise Schritte. Doch ich war mal wieder zu spät. Martin hatte seinen Becher ebenfalls ausgeleert. Gefolgt von begeistertem Lachen und Springen von beiden unserer Buben. Die Möglichkeit dazu, hatte er allerdings nur, da ich die Jungs zwar ins Zimmer gebracht, aber vergessen hatte, das Treppenschutzgitter ordentlich zuzuziehen. Also hieß es für mich „TIEF DURCHATMEN“. Also brachte ich die Beiden wieder ins Zimmer und diesmal achtete ich auch darauf, das Treppenschutzgitter ordentlich zu verschließen, damit ich in Ruhe den, mittlerweile schwimmenden, Küchenboden trockenwischen konnte. Miro und Martin sahen mir dabei interessiert vom Zimmer aus zu. Nachdem das Chaos beseitigt war, konnten wir ganz normal unseren Tagesablauf weiterlaufen lassen.
Ich muss sagen, dass ich an diesem Tag richtig froh war, als es endlich Zeit war in den Kindergarten zu fahren. Doch schon am Weg in den Kindergarten fing Martin an, im Auto wild um sich zu schlagen, zu weinen und zu schreien. Ich war etwas ratlos, hatte ich doch unser gewohntes Prozedere strickt verfolgt. Da er sich weigerte zu gehen, musste ich ihn also vom Auto in den Kindergarten tragen. Natürlich ließ sich daraufhin auch Miro fallen und weigerte sich auch nur einen Schritt zu machen – also musste ich auch ihn tragen, während von Jozefina nur ein dezent genervtes „Nicht schon wieder“ kam. Als wir dann endlich drinnen waren setzte ich die Beiden auf die Garderobenbank und während Miro sich an den Ablauf hielt und bereits nach zehn Minuten mit seiner Integrationspädagogin am Weg in die Gruppe war, schlug Martin weiter um sich. Er warf sich auf den Boden und brüllte und weinte dabei. Es dauerte ganze 15 Minuten bis er sich, fest umschlungen in meiner Umarmung beruhigte – was auch für mich nicht einfach war, da er eine enorme Kraft hatte. Er klammerte sich an mich und weinte nur noch leise und dazwischen hörte ich plötzlich „Martin mit Mama nach Hause fahren.“ Ich sah ihn verwundert an und fragte ihn ob er nicht in den Kindergarten wollte und warum er nach Hause wollte. Es dauerte etwas bis ich die Antwort verstand und da wurde mir klar, dass Martins Veränderung, die vor sich ging, noch viel größer war als angenommen. Denn es ging ihm nicht um den Kindergarten oder sein zu Hause – es ging ihm rein darum, dass er bei Mama bleiben wollte, da er mich sonst vermisst. Und ich? Ich war einfach sprachlos. Das mag bei vielen jetzt für Unverständnis sorgen, ist so eine Aussage eines Kindes an sich nichts Ungewöhnliches. Doch in diesem Fall war es für mich wie ein kleines Wunder. Denn Trennungsschmerz kannte unser Martin eigentlich gar nicht. Es schien immer so, als wäre es ihm vollkommen egal, ob wir Eltern anwesend waren oder nicht. Selbst als mein Mann und ich, damals zwei Tage in Salzburg waren und die Familie, mit vereinten Kräften, die Kinderbetreuung übernommen hatte, war Martin scheinbar vollkommen egal, dass wir wieder nach Hause kamen. Nicht einmal als Baby hatte er „gefremdelt“.
Also ja, dieser Trennungsschmerz war für mich ein riesiges Wunder. Und während mein Martin sich an mich kuschelte, kullerten bei mir nur die Tränen. Ich konnte sie nicht zurückhalten. Ich hatte nicht erwartet und nicht einmal zu träumen gewagt, dass dieser Tag jemals kommen würde – dass diese Liebe jemals so spürbar wäre. Und als ich merkte, dass auch ich weinte, galt es den Tränen Einhalt zu gebieten und mich wieder voll auf meinen kleinen Martin zu konzentrieren.
Insgesamt dauerte es fast eine dreiviertel Stunde und viele Erklärungen meinerseits und von seiner Integrationspädagogin, bis Martin schließlich sichtlich unzufrieden mit ihr mitging. Mit seiner Pädagogin hatte ich nochmal abgesprochen, dass sie mich bitte anrufen möge, wenn sie merkte, dass es ihm zu viel war.
Zu Hause angekommen, war die Vorfreude auf die Ruhe dann verpufft und nun ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Ich war zwar unendlich glücklich, dass dieser sehr wichtige Schritt gekommen war, aber zeitgleich vermisste ich meinen kleinen Prinzen und wollte ihn eigentlich einfach nur kuscheln und in meinen Armen halten.
Nachdem ich mich selbst wieder einigermaßen im Griff hatte, rief ich meinen Mann an, um ihm diese unglaublichen Neuigkeiten zu erzählen. Auch er war wahnsinnig gerührt und fügte dann aber ganz leise und mit Traurigkeit in der Stimme, hinzu: „Glaubst du, wird er auch jemals traurig sein, dass ich weggehe?“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte - denn Ehrlichkeit, war das was zwischen uns Eltern das Wichtigste war. Natürlich wollte ich meinen großen Martin nicht traurig machen, aber ich wollte auch keine falschen Hoffnungen wecken. So blieb mir nur zu sagen: „Ich weiß es leider nicht, aber ich hoffe es.“
Wenn ich über den fehlenden Trennungsschmerz und unseren damit einhergehenden Schmerz gesprochen habe, bin ich sehr oft auf ungläubiges Unverständnis gestoßen, da sehr viele Eltern der Meinung waren: „Sei doch froh, dass euch dieses Drama erspart bleibt.“ Doch für mich, war es ein unglaubliches Geschenk – auch wenn einige das nicht nachvollziehen mögen.
Als ich meine drei Helden vom Kindergarten abholte, lief mir Martin sogar freudestrahlend in die Arme – nur um dann Sekunden später umzudrehen, weil er noch spielen und nicht nach Hause wollte.
Von diesem Tag an, wurde die Bring-Situation im Kindergarten zwar schwieriger, aber mein Herz war von einer unglaublichen Ruhe und Liebe erfüllt. Es folgten tatsächlich auch Tage, wo ich ihn früher abholen musste und auch welche, wo ich ihn erst gar nicht im Kindergarten lassen konnte. Und auch wenn mir dadurch, dass bisschen Zeit, das ich für mich habe, fehlte, fühlte ich mich so Stark und Ausgeglichen wie nie zuvor in der ganzen Zeit.
Am 22. September sollte das Theater in den Kindergarten kommen und ich wusste nicht ob er dortbleiben würde, dabei war ich mir ganz sicher, dass es ihm gefallen würde.
Und auch um meinen Tattoo-Termin machte ich mir ganz egoistisch sorgen. Denn schon seit uns klar wurde, dass Miro und Martin im Spektrum waren, war es mein Wunsch das auf meiner Haut zu verewigen. Das mag für viele merkwürdig klingen, für mich war es ein Weg der Verarbeitung und etwas wirklich Wichtiges. Das wusste auch meine Familie und obwohl Tattoos nicht auf der Wunschliste meiner Eltern, für ihre Kinder standen, hatte ich doch zu meinem 30. Geburtstag, dieses Gemeinschaftsgeschenk von Familie und Freunden bekommen, da sie wussten, wie viel es mir bedeutete. An dieser Stelle, danke euch allen nochmals. Heute bedeutet es mir noch so viel mehr, als ich zum damaligen Zeitpunkt wissen konnte.
Für mich blieb nun abzuwarten, ob ich den Termin auf den ich eigentlich fast zwei Jahre gewartet hatte, nun wahrnehmen konnte oder nicht…

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Was bedeutet Autismus für unsere Familie? - Teil 15

Die Veränderung bei unserem kleinen Martin war deutlich spürbar, aber einordnen konnten wir sie nicht. Und so kam der 19. September 2022 – ein Tag, der wie jeder andere für uns alle begann, also der ganz normale Wahnsinn. Der einzige Unterschied war, dass Martin immer wieder, von sich aus, meine Nähe suchte. Da ich das nur in absoluten Ausnahmesituationen kannte, nämlich, wenn er krank war (was sehr selten vorkam), wurde gleich einmal Fieber gemessen. Hm, Normaltemperatur – ein Blick mit der Taschenlampe in den Hals – nicht gerötet. Er wirkte auch absolut fit. So ganz konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Es blieb dann auch gar nicht großartig Zeit darüber nachzudenken, da Miro im nächsten Moment, mal wieder, seinen Wasserbecher bestaunte, nur um ihn, Sekunden später, am Küchenboden auszuleeren und dann in der tollen Wasserpfütze herumzuspringen. Ich hasste es. Das war eines der Dinge, wo ich mich wirklich zusammennehmen musste, um nicht zu explodieren. Während ich das große Handtuch zum Aufwischen holte und anschließend begann den Boden damit trocken zu wischen, hörte ich hinter mir verdächtig leise Schritte. Doch ich war mal wieder zu spät. Martin hatte seinen Becher ebenfalls ausgeleert. Gefolgt von begeistertem Lachen und Springen von beiden unserer Buben. Die Möglichkeit dazu, hatte er allerdings nur, da ich die Jungs zwar ins Zimmer gebracht, aber vergessen hatte, das Treppenschutzgitter ordentlich zuzuziehen. Also hieß es für mich „TIEF DURCHATMEN“. Also brachte ich die Beiden wieder ins Zimmer und diesmal achtete ich auch darauf, das Treppenschutzgitter ordentlich zu verschließen, damit ich in Ruhe den, mittlerweile schwimmenden, Küchenboden trockenwischen konnte. Miro und Martin sahen mir dabei interessiert vom Zimmer aus zu. Nachdem das Chaos beseitigt war, konnten wir ganz normal unseren Tagesablauf weiterlaufen lassen.
Ich muss sagen, dass ich an diesem Tag richtig froh war, als es endlich Zeit war in den Kindergarten zu fahren. Doch schon am Weg in den Kindergarten fing Martin an, im Auto wild um sich zu schlagen, zu weinen und zu schreien. Ich war etwas ratlos, hatte ich doch unser gewohntes Prozedere strickt verfolgt. Da er sich weigerte zu gehen, musste ich ihn also vom Auto in den Kindergarten tragen. Natürlich ließ sich daraufhin auch Miro fallen und weigerte sich auch nur einen Schritt zu machen – also musste ich auch ihn tragen, während von Jozefina nur ein dezent genervtes „Nicht schon wieder“ kam. Als wir dann endlich drinnen waren setzte ich die Beiden auf die Garderobenbank und während Miro sich an den Ablauf hielt und bereits nach zehn Minuten mit seiner Integrationspädagogin am Weg in die Gruppe war, schlug Martin weiter um sich. Er warf sich auf den Boden und brüllte und weinte dabei. Es dauerte ganze 15 Minuten bis er sich, fest umschlungen in meiner Umarmung beruhigte – was auch für mich nicht einfach war, da er eine enorme Kraft hatte. Er klammerte sich an mich und weinte nur noch leise und dazwischen hörte ich plötzlich „Martin mit Mama nach Hause fahren.“ Ich sah ihn verwundert an und fragte ihn ob er nicht in den Kindergarten wollte und warum er nach Hause wollte. Es dauerte etwas bis ich die Antwort verstand und da wurde mir klar, dass Martins Veränderung, die vor sich ging, noch viel größer war als angenommen. Denn es ging ihm nicht um den Kindergarten oder sein zu Hause – es ging ihm rein darum, dass er bei Mama bleiben wollte, da er mich sonst vermisst. Und ich? Ich war einfach sprachlos. Das mag bei vielen jetzt für Unverständnis sorgen, ist so eine Aussage eines Kindes an sich nichts Ungewöhnliches. Doch in diesem Fall war es für mich wie ein kleines Wunder. Denn Trennungsschmerz kannte unser Martin eigentlich gar nicht. Es schien immer so, als wäre es ihm vollkommen egal, ob wir Eltern anwesend waren oder nicht. Selbst als mein Mann und ich, damals zwei Tage in Salzburg waren und die Familie, mit vereinten Kräften, die Kinderbetreuung übernommen hatte, war Martin scheinbar vollkommen egal, dass wir wieder nach Hause kamen. Nicht einmal als Baby hatte er „gefremdelt“.
Also ja, dieser Trennungsschmerz war für mich ein riesiges Wunder. Und während mein Martin sich an mich kuschelte, kullerten bei mir nur die Tränen. Ich konnte sie nicht zurückhalten. Ich hatte nicht erwartet und nicht einmal zu träumen gewagt, dass dieser Tag jemals kommen würde – dass diese Liebe jemals so spürbar wäre. Und als ich merkte, dass auch ich weinte, galt es den Tränen Einhalt zu gebieten und mich wieder voll auf meinen kleinen Martin zu konzentrieren.
Insgesamt dauerte es fast eine dreiviertel Stunde und viele Erklärungen meinerseits und von seiner Integrationspädagogin, bis Martin schließlich sichtlich unzufrieden mit ihr mitging. Mit seiner Pädagogin hatte ich nochmal abgesprochen, dass sie mich bitte anrufen möge, wenn sie merkte, dass es ihm zu viel war.
Zu Hause angekommen, war die Vorfreude auf die Ruhe dann verpufft und nun ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Ich war zwar unendlich glücklich, dass dieser sehr wichtige Schritt gekommen war, aber zeitgleich vermisste ich meinen kleinen Prinzen und wollte ihn eigentlich einfach nur kuscheln und in meinen Armen halten.
Nachdem ich mich selbst wieder einigermaßen im Griff hatte, rief ich meinen Mann an, um ihm diese unglaublichen Neuigkeiten zu erzählen. Auch er war wahnsinnig gerührt und fügte dann aber ganz leise und mit Traurigkeit in der Stimme, hinzu: „Glaubst du, wird er auch jemals traurig sein, dass ich weggehe?“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte - denn Ehrlichkeit, war das was zwischen uns Eltern das Wichtigste war. Natürlich wollte ich meinen großen Martin nicht traurig machen, aber ich wollte auch keine falschen Hoffnungen wecken. So blieb mir nur zu sagen: „Ich weiß es leider nicht, aber ich hoffe es.“
Wenn ich über den fehlenden Trennungsschmerz und unseren damit einhergehenden Schmerz gesprochen habe, bin ich sehr oft auf ungläubiges Unverständnis gestoßen, da sehr viele Eltern der Meinung waren: „Sei doch froh, dass euch dieses Drama erspart bleibt.“ Doch für mich, war es ein unglaubliches Geschenk – auch wenn einige das nicht nachvollziehen mögen.
Als ich meine drei Helden vom Kindergarten abholte, lief mir Martin sogar freudestrahlend in die Arme – nur um dann Sekunden später umzudrehen, weil er noch spielen und nicht nach Hause wollte.
Von diesem Tag an, wurde die Bring-Situation im Kindergarten zwar schwieriger, aber mein Herz war von einer unglaublichen Ruhe und Liebe erfüllt. Es folgten tatsächlich auch Tage, wo ich ihn früher abholen musste und auch welche, wo ich ihn erst gar nicht im Kindergarten lassen konnte. Und auch wenn mir dadurch, dass bisschen Zeit, das ich für mich habe, fehlte, fühlte ich mich so Stark und Ausgeglichen wie nie zuvor in der ganzen Zeit.
Am 22. September sollte das Theater in den Kindergarten kommen und ich wusste nicht ob er dortbleiben würde, dabei war ich mir ganz sicher, dass es ihm gefallen würde.
Und auch um meinen Tattoo-Termin machte ich mir ganz egoistisch sorgen. Denn schon seit uns klar wurde, dass Miro und Martin im Spektrum waren, war es mein Wunsch das auf meiner Haut zu verewigen. Das mag für viele merkwürdig klingen, für mich war es ein Weg der Verarbeitung und etwas wirklich Wichtiges. Das wusste auch meine Familie und obwohl Tattoos nicht auf der Wunschliste meiner Eltern, für ihre Kinder standen, hatte ich doch zu meinem 30. Geburtstag, dieses Gemeinschaftsgeschenk von Familie und Freunden bekommen, da sie wussten, wie viel es mir bedeutete. An dieser Stelle, danke euch allen nochmals. Heute bedeutet es mir noch so viel mehr, als ich zum damaligen Zeitpunkt wissen konnte.
Für mich blieb nun abzuwarten, ob ich den Termin auf den ich eigentlich fast zwei Jahre gewartet hatte, nun wahrnehmen konnte oder nicht…

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